Mädchen mit Bart

Mädchen mit Bart

 

"Aus meiner Sicht ist das in Ordnung, wenn da jemand gewinnt und sich die Leute freuen" - soweit die Reaktion des Spitzenkandidaten für die EU Wahl(!) einer österreichischen Partei, die im Namen ein großes F trägt (Zitat ORF Online).

 

Der Song Contest ist eine kommerzielle Veranstaltung wo Produzenten, Musiker, Sänger, Komponisten und Verleger eines wollen: Geld verdienen. Er ist kein Verein zur Förderung von Fairness, Gerechtigkeit, Toleranz oder ähnlichem. Nein, es geht um Profit - nichts anderes. Aber er kann, wie alle Großveranstaltungen, Meinungen bilden und viele Menschen erreichen.

 

Man hat sich Mühe gegeben: Der Song ist anspruchsvoll, der Text nicht am ersten Blick in seiner Bedeutung vollständig zu erfassen. Die künstlerische Darbietung einwandfrei. Doch: Hätte das Lied mit einer anderen Sängerin gepunktet? Wir werden es nie erfahren, ich denke es wäre im Mittelfeld verblasst.

 

Austria - 12 Points hieß es, immer öfter, bis klar war: Die Sensation ist gelungen, Österreich hat als eines der bedeutungsvollsten Länder der Musikgeschichte in der Welt tatsächlich nach vielen Jahren des kompletten Versagens einen Sieg fertig gebracht. Will Europa damit ein Zeichen setzen? Für mehr Toleranz und gegen Ausgrenzung? Oder ist es das Schillernde, Ungewöhnliche, Schräge: Eine Transe mit Vollbart - sowas gabs noch nicht, vor allem nicht medial?

 

Ich habe am Freitag einen ziemlich entlegenen Club in Oberösterreich besucht und kam mit einer Bio-Frau ins Gespräch die sich begeistert über mein Outfit zeigte. "So etwas gibt es bei uns hier nicht, das kenne ich nur aus dem Fernsehen..." - ich musste schmunzeln. Wurde ich hier tatsächlich mit Frau Wurst verglichen? Hatte ich gar meinen Bartschatten schlecht weggeschminkt? Was will sie mir eigentlich sagen: Ist das Neugier? Begeisterung über meinen Mut? Etwas was eigentlich selbstverständlich sein sollte?

 

Was bleibt von Conchita?

 

Sieht man sich die Presse Berichte an so sind fast alle Journalisten der überschwänglichen Meinung dass der schillernde Bartvogel einer der bedeutendsten Einflüsse auf gesellschaftliche Weiterentwicklung sein wird. Conchita wird wohl den unsterblichen Charakter eines Udo Jürgens erben, wohl aber aus der Tatsache des Gewinnens des Wettbewerbs heraus.

 

In einem einschlägigen Forum hat sich inzwischen eine TV einen Photoshop-Conchita-Wurst-Bart auf ihr Profilfoto aufgemalt. Andere werden wohl folgen... Verzichten wir künftig auf Epilation, Rasieren und Bartschatten wegschminken?

 

In den nächsten Monaten werden wohl wieder große Diskussionen geführt werden, und vielleicht kommen wir auch wirklich ein Stück weiter das Transgender nicht mehr als Randgruppe der Gesellschaft gesehen werden. Vielleicht führt das sogar dazu dass einige von uns mehr den Schritt wagen sich zu Ihrem Dasein zu bekennen. Es wäre sehr wünschenswert.

 

Aber was bleibt langfristig? In einem Land wo ernsthaft zu befürchten steht, das mit den nächsten Wahlen die einzige Partei, die Conchita Wurst nicht gratuliert hat, an die Führung kommt? Sieht so die Weiterentwicklung von Toleranz und Integration aus? Und wir sprechen hier lediglich über Österreich...

 

So wird Conchita wohl das tun was das einzig Richtige ist: International versuchen Erfolge zu feiern und damit den Druck zu steigern. Aber sie alleine wird es nicht schaffen, jeder von uns ist gefordert hier mitzuarbeiten, Vorurteilen zu begegnen, Ängste abzubauen - das Mädchen mit Bart zu unterstützen.

 

Alles Liebe, Eure Sandra

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Judy (Sonntag, 18 Mai 2014 01:41)

    Ja, die Beweggründe der Menschen die für Conchita gestimmt haben werden wohl ewig verborgen bleiben und vielfältig sein.
    Ein gar nicht so kleiner Teil wird wohl die Botschaft zu würdigen gewusst haben (sonst hätte vom Song her eindeutig Holland gewinnen müssen), der größere Teil wird wohl einfach das von Dir angesprochene Ungewöhnliche interessant gefunden haben.

    Trotzdem ist es bewundernswert, wie sich Conchita für die Sache einsetzt und mit ihrer wunderbar ausgeglichenen Art die öffentliche Begeisterung nutzt um sehr sympathisch ihre Botschaft rüberzubringen.
    Auch Tom's Entscheidung für die Kunstfigur Conchita Wurst ist bewundernswert.
    Conchita sähe ja ohne den Bart tatsächlich bezaubernd aus - und das ist garantiert das, was Tom sich immer schon gewünscht hat.
    Trotzdem hat er es vorgezogen ein Zeichen zu setzen und eine Figur zu kreieren, die plakativ für alle steht, für die er sich einsetzt.

    Das Europa bzw. Österreich der Toleranz ist ein zweischneidiges Schwert.
    Das offizielle Österreich ist sicher eines der tolerantesten Länder, in dem man derzeit leben kann. Wo sonst ist z.B. eine Personenstandsänderung eine routinemäßige Formalität wie die polizeiliche Meldung des neuen Wohnsitzes?

    Das Problem bei uns ist vielmehr, dass die Masse auf der Straße mit diesem offiziellen Österreich immer unzufriedener wird und die von Dir angesprochene Partei genüsslich Öl ins Feuer gießt.

    Ich bin mir sicher, dass viele von denen, die seit einer Woche darüber jubeln, dass Conchita "für uns" den Song Contest gewonnen hat mittlerweile die Petition gegen das wunderbare Carmen Carrera Plakat unterzeichnet haben.

    Als Musikerin habe ich selbst im Vorfeld mitverfolgt, wie dieser moderne Unmut auch in der Musikerszene um sich griff weil sich der ORF erdreistet hat über die Entsendung ohne Publikumscasting zu entscheiden.
    Bereits Wochen vor der hysterischen Lichtenegger-Empörung ("wir zahlen Zwangsgebühren und der ORF überweist die Tantiemen ins Ausland" - Grüß sie, Herr Kickl!) wurden Facebookgruppen wie "Nein zu Conchita Wurst beim ESC" gegründet, der ein großer Teil der mir persönlich bekannten MusikerInnen binnen Stunden den Lemmingen gleich beigetreten ist.

    Hallo? Das Publikum hatte schon einmal die Gelegenheit, Conchita zum Song Contest zu schicken und hat sich für "Woki mit dein Popo" entschieden, was die Geisteshaltung der Mehrheit der Zielgruppe wahrscheinlich auch besser trifft.
    Die Entscheidung des ORF war wie wir jetzt wissen goldrichtig, und wäre bei einem öffentlichen Casting wieder eine Halligalli-Prolo-Kokserhymne zur Wahl gestanden wäre Conchita auch diesmal nicht zum Song Contest gefahren.

    Immerhin sind die momentanen öffentlichen Auftritte von Conchita allemal geeignet, uns allen Mut zu geben, zu uns selbst zu stehen. Und das ist ja immerhin schon recht viel.