So

18

Mai

2014

Gedanken zum Life Ball Plakat

Dass mir das aktuelle Life Ball Plakat von David LaChapelle mit der wunderschönen Carmen Carrera ausgesprochen gut gefällt liegt auf der Hand, dass es öffentliche Empörung und Diskussionen entfachen würde war ebenso klar und sicher auch beabsichtigt.

 

Dennoch enttäuscht es mich einigermaßen, auf welchem Niveau die Diskussionen geführt werden. Da rühmen wir uns gegenüber den Islamischen Gesellschaften immer unserer aufgeklärten Denkweise und dann wird wieder einmal die Entwicklung der Kinder als Killerargument in die Waagschale geworfen.

 

 
Die Online Petition an die Life Ball Sponsoren, ihr Unterstützung für die Veranstaltung im Interesse der Kinder zurückzuziehen hat in den ersten 3 Tagen über 12.000 Unterzeichner gefunden. [ http://citizengo.org/de/7189-life-ball-sponsoren-zur-verantwortung-ziehen ]

 

 
Ja, wir leben also doch noch im Mittelalter. Die Kinder werden meistens vorgeschoben wenn die Argumente fehlen.
Gerade Kinder haben noch einen offenen und freien Zugang so lange sie noch nicht in die vermeintlichen gesellschaftlichen Zwänge gepresst werden.

 

Ich finde das Plakat übrigens sehr ästhetisch. Ich habe selbst keine kleinen Kinder mehr, wüsste aber in jeder Altersstufe sehr genau, welche Antwort ich gegeben hätte, falls mich mein Sohne seinerzeit darauf angesprochen hätte.

 

 
In einigen Diskussionen auf Facebook habe ich (von meinem männlichen Profil aus) bereits meine Meinung dazu klar gestellt:
Mir ist klar, dass die meisten, die beim Anblick der bekleideten Carmen Carrera reflexartig an Fortpflanzung denken vom Nacktplakat logischerweise verstört werden.

 

Wer mit offenen Augen und offener Seele durch die Welt geht wird das Plakat und seine Aussage auch als schön und gelungen erkennen, wer mit dem offenen Hosentürl im Kopf herumläuft natürlich nicht.
Leider sind die letzteren in unserer Gesellschaft in der Überzahl.

 

 
Es würde mich auch nicht im geringsten wundern, wenn unter den Plakatbeschmierern und Petitionsunterzeichnern einige drunter sind, die jetzt euphorisch mit der Masse mitjubeln, dass Conchita Wurst den Song Contest "für uns" gewonnen hat.

 

 
Ich gehe aber noch weiter und möchte aber an dieser Stelle noch eine weitere Lanze FÜR dieses Plakat brechen. Wenn man Frau Carrera's Statement auf der offiziellen Life Ball Seite liest wird klar, dass es hier nicht nur um Toleranz gegenüber Randgruppen sondern um Respekt gegenüber der individuellen Persönlichkeit im Allgemeinen geht:

 

"[...] Schönheit hat kein Geschlecht. Am Ende des Tages ist Schönheit einfach nur Schönheit“" (im englischen Original kling es noch schlüssiger!)
 

 

 
In einer Gesellschaft, in der "du siehst geil aus" als Kompliment verstanden wird, obwohl die äußere Erscheinung nichts über die momentane Lustbefindlichkeit eines Menschen aussagt (richtigerweise müsste es heißen "ICH werde geil wenn ich dich sehe") wird die einzelne Person je nach ihrer Attraktivität von vornherein zum Lustobjekt für die anderen degradiert, ganz egal welcher Mensch bzw. welche Seele tatsächlich in der Hülle steckt. Das betrifft durchaus auch Frauen (und Männer), die dem gesellschaftlich akzeptierten Rollenbild entsprechen. Dieses Verhalten ist als Norm derart anerkannt, dass es auch die Betroffenen und solcherart Beleidigten als selbstverständlich akzeptieren!

 

 
Das Plakat von David LaChapelle zeigt einen Garten Eden, in dem die Rolle, in der das Individuum durchs Leben gehen will um sich selbst am besten gerecht zu werden einfach akzeptiert und nicht hinterfragt wird.

 

In der Realität gibt es Rollenbilder, die gesellschaftlich anerkannt sind und solche, die abgelehnt werden, weil sie die klassischen Abhängigkeitsmuster gefährden.
Ein Mann der sich als "ich bin ein harter Hund" oder "Ich bin ein egoistischer Macho" definiert wird als solcher wahrgenommen ohne dass sich irgendjemand dadurch brüskiert fühlt. Man bildet sich seine Meinung dazu, kann auch durchaus sagen "Du bist ein oberflächliches selbstherrliches A****loch", aber niemand käme auf die Idee dass seine Kinder durch dessen schlechtes Vorbild in ihrer Entwicklung gestört werden könnten.

 

 
Für mich ist der einzige Wermutstropfen an der Kampagne das Life Ball Motto "Garten der Lüste", das alles leider von Haus aus in eine Ecke drängt.
 
Soweit meine bescheiden Meinung zu diesem Thema.

 

Ich würde mich freuen, wenn dazu einige Kommentare kämen und wir damit ein Bisschen Leben in den Blog bringen könnten.
 
Dickes Bussi an alle!
Eure Judy

 

24 Kommentare

Di

13

Mai

2014

Mädchen mit Bart

Mädchen mit Bart

 

"Aus meiner Sicht ist das in Ordnung, wenn da jemand gewinnt und sich die Leute freuen" - soweit die Reaktion des Spitzenkandidaten für die EU Wahl(!) einer österreichischen Partei, die im Namen ein großes F trägt (Zitat ORF Online).

 

Der Song Contest ist eine kommerzielle Veranstaltung wo Produzenten, Musiker, Sänger, Komponisten und Verleger eines wollen: Geld verdienen. Er ist kein Verein zur Förderung von Fairness, Gerechtigkeit, Toleranz oder ähnlichem. Nein, es geht um Profit - nichts anderes. Aber er kann, wie alle Großveranstaltungen, Meinungen bilden und viele Menschen erreichen.

 

Man hat sich Mühe gegeben: Der Song ist anspruchsvoll, der Text nicht am ersten Blick in seiner Bedeutung vollständig zu erfassen. Die künstlerische Darbietung einwandfrei. Doch: Hätte das Lied mit einer anderen Sängerin gepunktet? Wir werden es nie erfahren, ich denke es wäre im Mittelfeld verblasst.

 

Austria - 12 Points hieß es, immer öfter, bis klar war: Die Sensation ist gelungen, Österreich hat als eines der bedeutungsvollsten Länder der Musikgeschichte in der Welt tatsächlich nach vielen Jahren des kompletten Versagens einen Sieg fertig gebracht. Will Europa damit ein Zeichen setzen? Für mehr Toleranz und gegen Ausgrenzung? Oder ist es das Schillernde, Ungewöhnliche, Schräge: Eine Transe mit Vollbart - sowas gabs noch nicht, vor allem nicht medial?

 

Ich habe am Freitag einen ziemlich entlegenen Club in Oberösterreich besucht und kam mit einer Bio-Frau ins Gespräch die sich begeistert über mein Outfit zeigte. "So etwas gibt es bei uns hier nicht, das kenne ich nur aus dem Fernsehen..." - ich musste schmunzeln. Wurde ich hier tatsächlich mit Frau Wurst verglichen? Hatte ich gar meinen Bartschatten schlecht weggeschminkt? Was will sie mir eigentlich sagen: Ist das Neugier? Begeisterung über meinen Mut? Etwas was eigentlich selbstverständlich sein sollte?

 

Was bleibt von Conchita?

 

Sieht man sich die Presse Berichte an so sind fast alle Journalisten der überschwänglichen Meinung dass der schillernde Bartvogel einer der bedeutendsten Einflüsse auf gesellschaftliche Weiterentwicklung sein wird. Conchita wird wohl den unsterblichen Charakter eines Udo Jürgens erben, wohl aber aus der Tatsache des Gewinnens des Wettbewerbs heraus.

 

In einem einschlägigen Forum hat sich inzwischen eine TV einen Photoshop-Conchita-Wurst-Bart auf ihr Profilfoto aufgemalt. Andere werden wohl folgen... Verzichten wir künftig auf Epilation, Rasieren und Bartschatten wegschminken?

 

In den nächsten Monaten werden wohl wieder große Diskussionen geführt werden, und vielleicht kommen wir auch wirklich ein Stück weiter das Transgender nicht mehr als Randgruppe der Gesellschaft gesehen werden. Vielleicht führt das sogar dazu dass einige von uns mehr den Schritt wagen sich zu Ihrem Dasein zu bekennen. Es wäre sehr wünschenswert.

 

Aber was bleibt langfristig? In einem Land wo ernsthaft zu befürchten steht, das mit den nächsten Wahlen die einzige Partei, die Conchita Wurst nicht gratuliert hat, an die Führung kommt? Sieht so die Weiterentwicklung von Toleranz und Integration aus? Und wir sprechen hier lediglich über Österreich...

 

So wird Conchita wohl das tun was das einzig Richtige ist: International versuchen Erfolge zu feiern und damit den Druck zu steigern. Aber sie alleine wird es nicht schaffen, jeder von uns ist gefordert hier mitzuarbeiten, Vorurteilen zu begegnen, Ängste abzubauen - das Mädchen mit Bart zu unterstützen.

 

Alles Liebe, Eure Sandra

 

 

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