Interessantes zum Nachlesen & Probieren

Teile Deine Geschichte mit uns!

Mach mit und teile Deine Geschichte mit uns!

 

Deine Geschichte ist ein wertvoller Beitrag der Gemeinschaft Glen & Glenda!

 

Schicke uns Deine Geschichte

 

email@genda.at

 

und wir veröffentlichen Sie auf www.glenundglenda.at

"Genitaloperationen müssen verboten werden"

 

 

Es gibt Menschen, die sind weder Mann noch Frau, sondern intersexuell. Sie haben sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale. Wenn Kinder so auf die Welt kommen, hat man sie bisher meist operiert, um ein Geschlecht festzulegen. "Diese Verstümmelung muss aufhören", sagt Lucie Veith im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Sie haben in ihrer Beratungstätigkeit mit Menschen zu tun, deren Geschlecht nicht eindeutig ist...

 

tagesschau.de: Sie haben in ihrer Beratungstätigkeit mit Menschen zu tun, deren Geschlecht nicht eindeutig ist...

 Lucie Veith: Da muss ich Ihnen gleich widersprechen. Jeder Mensch kommt mit einem Geschlecht auf die Welt und das ist sein eigenes. Die Menschen, die ich berate, wurden früher als Zwitter, Hermaphroditen oder als intersexuelle Menschen bezeichnet. Das sind Menschen, deren Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Standard zuzuordnen sind.

 

"Welche Identität ich habe, entwickelt sich erst über Jahre."

 

tagesschau.de: Wie bezeichnen sich diese Menschen denn selbst?

Veith: Als Menschen. Geschlecht ist ja eine ganz spannende und vielschichtige Sache. Wir haben ein äußeres, ein inneres, ein chromosomales, ein hormonelles, ein soziales Geschlecht. Aber was ich wirklich bin und welche Identität ich habe, das entwickelt sich erst über die Jahre. Als intersexueller Mensch ist man nicht einfach Mann oder Frau. Aber es gibt natürlich solche, die sich als Mann oder Frau sehen.

 

tagesschau.de: Wie viele intersexuelle Menschen gibt es in Deutschland?

Veith: Es gibt keine gesicherten Zahlen darüber. Eine Schätzung auf Grundlage von wissenschaftlichen Arbeiten geht von 80.000 bis 120.000 intersexuellen Menschen in Deutschland aus. Das ist aber keine homogene Gruppe, sondern eine Vielzahl von Besonderheiten. Wir kennen 4000 Varianten von geschlechtlicher Differenzierung.

 

"Man hat die Eltern bedrängt, das Kind operieren zu lassen."

 

tagesschau.de: Was genau heißt das, intersexuell zu sein? Können Sie Beispiele schildern?

Veith: In einem Fall aus meiner Beratungstätigkeit haben sich Eltern an mich gewandt, die scheinbar ein Mädchen geboren haben. Später wurde bemerkt, dass dieses Kind Hoden hat. Und nach weiteren Untersuchungen kam heraus, dass es ein X und ein Y-Chromosom hat, also chromosomal männlich ist. Dann wurde den Eltern empfohlen, die Hoden entfernen zu lassen, weil die angeblich nicht in einen weiblichen Körper gehörten. Das ist natürlich Blödsinn. Dieses Kind war vollkommen gesund und man hätte die Hoden einfach unter die Haut legen können. Stattdessen hat man die Eltern sehr bedrängt. Sie haben sich dennoch gegen eine Operation entschieden. Aber das ist die absolute Ausnahme.

In einem anderen Fall habe ich lange eine Klientin betreut, die offenbar ein Mann war. Aber er hatte zwei X-Chromosomen, also eigentlich das Zeichen für eine Frau. Weil das Kind eine vergrößerte Klitoris hatte, hat man es mit männlichen Hormonen beschossen, so dass sich der Körper eher männlich ausgebildet hat.

 

"Das ist irreversibel. Was weg ist, ist weg."

 

tagesschau.de: Wie ging man bisher medizinisch damit um, wenn ein Kind intersexuell auf die Welt kam?

Veith: Bis in die 2000er Jahre wurden mehr als 90 Prozent dieser Menschen an die Norm männlich oder weiblich angepasst, also verstümmelt. Man entfernt alles, was scheinbar nicht zum Körper des Kindes gehört - und zwar äußere oder innere Geschlechtsteile. Oder sie werden so designt, dass sie möglichst der Norm entsprechen. Bei diesen Operationen ist sehr viel schief gegangen. Und man muss wissen: Alles, was da passiert, ist irreversibel. Was weg ist, ist weg. Seit dem Jahr 2005 ist man immerhin etwas vorsichtiger.

 

tagesschau.de: Mit welchen Problemen haben diese Menschen nach einer OP zu kämpfen?

Veith: Viele haben durch diese Verstümmelungen ihr Geschlecht verloren, ihre Identität. Man muss sich das mal vorstellen: Man wird mit einem Körper geboren und dieser Körper wird dann zurecht geschnitten, es werden körperfremde Hormone zugeführt. Viele Menschen berichten darüber, dass sie ihre Sensibilität - gerade im Genitalbereich - teilweise oder komplett verloren haben. Viele sagen, dass sie Probleme haben, sich selbst anzunehmen, weil dieser konstruierte Körper nicht zu ihrer geschlechtlichen Identität passt. Das verursacht sehr viel Leid und das alles nur, damit die Gesellschaft an dem Modell der Zweigeschlechtlichkeit festhalten kann.

 

tagesschau.de: Warum ist diese Zweigeschlechtlichkeit so wichtig für die Gesellschaft?

Veith: Das liegt vor allem an unserer Tradition. Es gibt eine kulturelle Vorstellung, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Aber das ist eine Fehlinformation. Das Wissen, dass es völlig natürlich ist, verschiedene Geschlechtsmerkmale zu haben, fehlt. Aber es hat schon immer Zwitter und Hermaphroditen gegeben.

 

"Ich hätte mir ein Verbot für Genitaloperationen gewünscht."

 

tagesschau.de: Wie gehen die damit um, die keinen operativen Eingriff hatten?

Veith: Da gibt es ganz wenige. Aber die, die es gibt, sind ja völlig gesund. Natürlich haben die auch ihre Probleme, weil es keine Lebensbeispiele in Deutschland für so etwas gibt. Aber sobald sie in Gruppen kommen, in denen sie einfach sein können, wie sie sind, geht es ihnen sehr gut damit.

 

tagesschau.de: Halten Sie die Empfehlungen des Deutschen Ethikrats für ausreichend?

Veith: Es ist ein guter Anfang, weil das Leid anerkannt wird, das bei intersexuellen Menschen ausgelöst wird. Und weil verstanden wird, dass niemand die Verfügung über ein Geschlecht hat. Die Menschenrechte des Einzelnen werden darin anerkannt. Die Empfehlungen sind aber nicht ausreichend, weil sie keinen echten Schutz bieten. Ich hätte mir ein Verbot für Genitaloperationen gewünscht. Bis zu dem Alter, in dem Kinder das selbst entscheiden können. Also auf jeden Fall nach der Pubertät. Denn das, was da passiert, ist keinen Deut besser als die Genitalbeschneidung in Afrika. Wenn ein medizinischer Notfall besteht, sieht die Sache natürlich anders aus.

 

"Die Eintragung weiblich oder männlich sollte abgeschafft werden."

 

tagesschau.de: Was müsste sich denn gesellschaftlich verändern?

Veith: Wenn wir einen diskriminierungsfreien Raum schaffen würden, dann gäbe es keinen Grund mehr für diese Verstümmelungen. Intersexuelle Menschen müssen gleichberechtigt sein, das gleiche Selbstbestimmungsrecht haben. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist laut Grundgesetz verboten. Erreichen kann man das nur durch Aufklärung und staatlichen Schutz für diese Minderheit. Zum Beispiel, indem man die erzwungene Eintragung als männlich oder weiblich im Personenstandsregister abschafft. Ein anderes Beispiel: Ein Teil des Ethikrats empfiehlt nur die eingetragene Lebenspartnerschaft für intersexuelle Menschen...

 

tagesschau.de: ... der andere Teil will auch die Möglichkeit der Eheschließung.

Veith: Ja. Aber würden Sie denn ihr Kind als intersexuell eintragen lassen, wenn sie wüssten, dass das Kind dann eine Sonderstellung in der Gesellschaft hat? Oder was ist mit einem intersexuellen Menschen, der womöglich schon seit 30 Jahren in einer Ehe lebt, weil er sich mit einem Geschlecht arrangiert hat. Soll der dann seine Ehe annullieren?

 

 

Die Fragen stellte Sandra Stalinski, tagesschau.de.

(quelle:
http://www.tagesschau.de/inland/intersexualitaet100.html - Zugriff: 16.November.2012)

Ein anschauliches Beispiel wie Hormone verändern können!

 

Klicke auf untenstehenden LInk

 

 

Video: Von Mann zu Frau in 14. Monaten

Transgender Film - Guide - interessante Filme zu Transgender

Transgender Film Guide
Transgender Film Guide

Richtiges Messen


Brustumfang = Kennziffer 1
Massband einschliesslich BH anlegen.

 

Unterbrustumfang = Kennziffer 2
Massband unterhalb der des BH anlegen..

 

Taillen- oder Bund = Kennziffer 3
Massband ohne zu schnüren um die Taille legen.

 

Hüfte = Kennziffer 4
Massband waagerecht um die stärkste Stelle des Gesäßes legen.

 

Seitenlänge = Kennziffer 5
Wird von Taille bis zur Fußsohle gemessen. Achtung: bei Hosen sind die Angaben immer ohne Bund bis zum Saumabschluss angegeben. Also beim messen dies mit einkalkulieren.

 

Körperhöhe = Kennziffer 6

 

 

Begriffserklärungen:

 

Körperhöhe = Körpergröße
Brustumfang = Oberweite
Unterbrustumfang = Unterbrust
Bundweite = Taillenumfang (Bundumfang)
Hüftumfang = Hüftweite

 

 

Lesenswertes

Leben im falschen Körper -Transsexualität im Kindes- und Jugendalter

 

von Dr. med. Bernd Meyenburg und PD Dr. med. Annette Richter-Unruh

aus korasion Nr. 2, Mai 2012

 

Immer häufiger berichten Medien über transsexuelle Kinder und Jugendliche, die sich im falschen Körper fühlen. In unsere Sprechstunde kommen durch das gestiegene Bewusstsein für Störungen in der Geschlechtsidentität (GIS) immer mehr Kinder- und Jugendliche zur Beratung. In Deutschland wurde 1981 das Transsexuellen gesetz (TSG) verabschiedet, inzwischen mehrfach modifiziert; und auch hierzulande wurden Empfehlungen im Sinne einer diagnostischen und therapeutischen Richtlinie erstellt. So wird in den nicht bindenden Leitlinien der sexual medizinischen und psychiatrischen Fachgesellschaften als Altersgrenze das 18. Lebensjahr erwähnt, vor dem operative genitalkorrigierende Eingriffe nicht empfohlen werden. Eine Überarbeitung der Empfehlungen aufgrund der Verschiebung von Diagnostik und Therapie in das erste und zweite Lebensjahrzehnt ist aus unserer Sicht notwendig.

 

Immer mehr Jugendliche erkennen und bekennen sich aufgrund von Vorbildern in der Öffentlichkeit zu ihrer Transsexualität. Eines dieser Vorbilder ist beispielsweise der 1980 geborene Stabhochspringer Balian Buschbaum, der bis 2007 noch Yvonne hieß. Der durch zahlreiche Fernsehauftritte bekannte Sportler schreibt auf seiner Internetseite: „Meine persönlichen Fragen über mein seelisches Ungleichgewicht, konnte ich Ende 2007 beantworten. Ich befreite mich aus den Ketten meines Körpers und begann zu fliegen.“ Störungen der Geschlechtsidentität sind durch ein anhaltendes und starkes Unbehagen und Leiden am eigenen biologischen Geschlecht charakterisiert. Sie gehen einher mit dem Wunsch der Beteuerung, dem anderen Geschlecht anzugehören und entsprechend leben zu wollen. Kinder leben dabei ihr empfundenes Geschlecht zunächst unbewusst. Jungen, die sich als Mädchen fühlen, fallen in der Regel früher auf: Dass ein Mädchen mit kurzen Haaren und Jeans in die Schule geht und mit den Jungen Fußball spielt, wird akzeptiert. Dass ein Junge mit Strumpfhose und Rock die Schule besucht und auf die Mädchentoilette gehen möchte, wird nicht gewünscht.

 

 

Der Wunsch das Geschlecht anzpassen kann bis zum Wunsch nach einer gegengeschlechtlichen Hormonbehandlung und operativen Geschlechtsumwandlung führen. Die diagnostischen Hauptkriterien sind erstens der dringliche und anhaltende Wunsch, dem anderen Geschlecht anzugehören, und zweitens das andauernde Unbehagen über das eigene Geschlecht. Liegt lediglich ein Unbehagen über das eigene biologische Geschlecht ohne dem Wunsch nach einer möglichst weitgehenden Geschlechtsumwandlung vor, so ist die Diagnose GIS nicht zu stellen. Auch bei der differenzialdiagnostisch in erster Linie abzugrenzenden ichdystonen Sexualorientierung wird nicht der Wunsch nach Geschlechtsumwandlung geäußert. Typischerweise berichten diese Patienten über Zufriedenheit mit dem eigenen biologischen Geschlecht oder gar Ängste davor, ihre Geschlechtsmerkmale aufgeben zu müssen.

Intersexualität - Leben zwischen den Geschlechtern

Intersexuelle passen nicht in das binäre Schema von Mann und Frau. Zwangsoperationen lehnen viele dennoch ab.

 

 

Elf Jahre lebte sie als Frau, rasierte sich täglich, schluckte Hormone und schmierte sich Lippenstift ins Gesicht. Eines Tages brachte die hingeworfene Frage einiger Dorfjugendlicher das ganze Kartenhaus zum Einsturz: „Ist das ’n Typ oder ’ne Frau? ... Nee, kein Mann, ES trägt Lippenstift.“ Und die sich bislang als Frau verstehende Künstlerin Ins A Kromminga musste sich eingestehen, dass sie recht haben und „sie“ ein „Es“ ist, ein Anderes, und die Fragen, die mit der Kastration ihrer Hoden zu Grabe getragen schienen, wieder an die Oberfläche drängten.

 

 

Für intersexuelle Menschen wie Kromminga wird das selbstverständlichste Ordnungsmuster, das die Gesellschaft strukturiert, zum Problem.

Dass Männer Männer und Frauen Frauen lieben können, wird mittlerweile von vielen akzeptiert, und vor 30 Jahren hat der Gesetzgeber mit dem Transsexuellengesetz auch die Möglichkeit eröffnet, dass Menschen, die sich im „falschen“ Körper fühlen, ihr Geschlecht wechseln können. Doch was ist mit denen, die nicht unzweifelhaft dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können, die „dazwischen“ liegen? Solange das „Hebammengeschlecht“ noch den einzigen Anhaltspunkt lieferte, fielen zunächst nur ambivalente Genitalien auf: Neugeborene mit einem kaum ausgebildeten Penis oder nur rudimentär entwickelten Hoden etwa, und Säuglinge, deren Klitoris länger als üblich ausfällt.

 

 

Es gibt aber auch Fälle, in denen die äußeren Geschlechtsmerkmale zunächst ganz unauffällig sind, das „Mädchen“ aber einen männlichen XY-Chromosomensatz trägt, oder ein „Junge“ „ganz normal“ aufwächst, bis ihm in der Pubertät statt Barthaare plötzlich Brüste wachsen. „Was ist nur mit mir los? Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll!“, entlädt sich der Schock dann in den einschlägigen Internet-Foren.

 

 

Je nach Ausprägung und Zuordnung kommt auf 3000 bis 5000 Geburten ein Kind mit einem uneindeutigen Geschlecht, schätzen Experten. Das ist viel, gemessen an der Einsamkeit, die zunächst die Eltern und später die Betroffenen befällt. Intersexualität ist völlig natürlich. Gesellschaften, die die Geschlechter dennoch streng binär normieren, kommen mit fließenden Übergängen jedoch nicht zurecht. So werden Intersexuelle zu Freaks erklärt. Dass hinter jedem Einzelfall ein oft von Irrationalität und Leiden begleitetes Schicksal steht, erlebten vergangene Woche auch die deutschen Ethikräte, deren ansonsten akademisch dahin plätscherndes „Forum Bioethik“ beim Thema „Intersexualität – Leben zwischen den Geschlechtern“ plötzlich zu einer Konfrontationsarena zwischen dem Expertensystem und selbstbewussten Anwälten in eigener Sache wurde.

 

 

Was eigentlich ist ein Mann oder eine Frau?, provozierte die Hamburger Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt zum Auftakt das Auditorium in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Weist sich ein Mann durch ein Y-Chromosom aus? Und darf sich eine „weiblich“ aussehende Frau mit einem solchen noch so nennen? Sind Vagina und Klitoris tatsächlich der Beweis, dass wir es mit einer Frau zu tun haben?, fragte die stellvertretende Direktorin des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Und wie groß muss ein Penis sein, damit er einen Menschen zum Mann macht?

Frühere Gesellschaften kannten noch ein Zwischengeschlecht, der blumigere Begriff „Hermaphroditen“ stammt aus der Antike. Das Allgemeine Preußische Landrecht von 1794 stellte klar, dass „Zwitter“ an ihrem 18. Geburtstag erklären sollten, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlten. Noch der Berliner Sexualforscher Magnus Hirschfeld hatte für ein „drittes Geschlecht“ votiert. Doch Hormonforschung und Chirurgie mit ihren zunehmenden Möglichkeiten der anatomischen Geschlechtskorrektur ließen diese eher „kulturell“ inspirierten Vorstellungen hinter sich, zugunsten der „Herrichtung“ der Genitalien. John Money am Johns Hopkins Hospital in Baltimore galt in den fünfziger Jahren als Pionier auf dem Gebiet der „disorders of sex development“ (DSD), wie der englische Fachbegriff lautet. Er drang auf eine möglichst frühe operative Geschlechtsangleichung, um den Eltern zu ermöglichen, ihr Kind „eindeutig“ zu erziehen. Damit wollte Money auch beweisen, dass das Geschlecht eines Menschen nicht biologisch festgelegt ist, sondern durch Erziehung zugewiesen wird. Seine brutalen und entwürdigenden Experimente an Kindern konnten Moneys These weder widerlegen noch beweisen. In der modernen Geschlechterforschung, wie sie etwa die Philosophin Judith Butler vertritt, als auch bei den Intersexuellen steht Money mit seinen Menschenversuchen in Misskredit.

 

Was sie bei diesen Operationen unter Umständen aushalten mussten und müssen und mit welchen Folgen, beschrieb Claudia Kreutzer vom „Verein intersexueller Menschen“ sehr drastisch: Erst würden sie „kastriert“, häufig nachoperiert und mit den gleichen Hormonen behandelt „wie Triebtäter“. Kinder müssten das schmerzhafte Weiten der künstlichen Vagina über sich ergehen lassen und die durch Operationen hervorgerufenen Empfindungseinschränkungen hinnehmen. Um die zweigeschlechtliche Norm aufrecht zu erhalten, würden sogar pränatale Eingriffe bei Feten erprobt. Lucie Veith, die sich selbst als „Überlebende eines unfreiwilligen Menschenversuchs“ sieht, bezeichnete das, was Intersexuellen angetan werde, schlicht als „Folter“.

 

Dass sich in den Selbsthilfegruppen vor allem die Geschädigten und Traumatisierten zusammenfinden, räumte Kreutzer ein. Andere Betroffene, gab Richter-Appelt zu bedenken, leben nach einer operativen oder hormonellen Behandlung in ihrem vereindeutigten Geschlecht durchaus glücklich.

Die internationalen Studien, die der Kieler Sexualwissenschaftler Hartmut Bosinski vor einigen Jahren zusammengetragen hat, sind widersprüchlich. Der Leiter der Sektion für Sexualmedizin im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein hält es jedoch für wirklichkeitsfremd, die Kinder solange im „Zwischenraum der Geschlechter aufwachsen zu lassen“, bis sie selbst über entsprechende Maßnahmen entscheiden können.

 

 

Zu einem pauschalen OP-Verbot, das Kreutzer und Veith unter Beifall der zahlreich Angereisten aus der Selbsthilfebewegung forderten, konnten sich die Fachvertreterinnen auf dem Ethikrat-Podium ebenfalls nicht durchringen. Die Bioethikerin Claudia Wiesemann von der im Netzwerk DSD/Intersexualität zusammengeschlossenen Forschungsgruppe plädierte für „angemessene Interventionen“, die das Kind und dessen körperliche Integrität im Auge haben. Dass sie eingangs im Hinblick auf sexuelle Variationen auch von „Krankheit“ sprach, war für die aufgebrachten Diskutantinnen allerdings nicht mehr gut zu machen, obwohl Michael Wunder, Psychologe und Leiter des Beratungszentrums der Stiftung Alsterdorf in Hamburg, geduldig versuchte, goldene Brücken zu bauen. So war lediglich Einigkeit darüber zu erzielen, dass Eltern und Betroffenen kompetente Beratung in spezialisierten Zentren ermöglicht werden sollte.

 

 

Ob intersexuelle Menschen von der geplanten Grundgesetzänderung, die das Diskriminierungsverbot auch auf die sexuelle Identität ausweitet, profitieren werden, beurteilte die Bremer Juristin Konstanze Plett eher skeptisch. Die erzwungene Geschlechtszuweisung, so ihre juristische Minderheitsposition, sei aber ein Verstoß gegen die Menschenrechte und verletze das Persönlichkeitsrecht der betroffenen Menschen. Die westliche Welt lamentiere über Genitalbeschneidung, und der Bundestag diskutiere ein Verbot, ohne wahrzunehmen, dass derlei tagtäglich auch hierzulande passiere.

Intersexuelle Menschen sind eine Herausforderung für die auf ein binäres Schema fixierte Gesellschaft, und ihr aktivster Teil verbindet damit einen politischen Auftrag, den aufs Podium zu heben sich der Ethikrat in diesem Fall nicht scheute. Auch wenn sich der Streit um Behandlungspraktiken drehte, schien doch durch, dass die Betroffenen der Normalgesellschaft etwas voraus haben, was sie vielleicht mit Flüchtlingen und anderen „displaced“ und „disorderd“ Menschen teilen: dass man auch „dazwischen“ leben kann.

 

(Quelle: Tagesspiegel - Zugriff im Oktober 2012)

Die Entwicklung der Geschlechtsidentität in der frühen Kindheit

Ein Kind ist von Anfang an ein geschlechtsgebundenes Wesen. Bereits im Mutterleib wird es mit seinem endgültigen Geschlechtswesen ausgestattet. Die heutige Gehirnforschung sieht es als wissenschaftlich erwiesen an, dass Jungen und Mädchen durch die Einwirkung von Geschlechtshormonen eine unterschiedliche Gehirnstruktur bekommen. Aber auch die Vorstellungen der Eltern von der zu erwartenden Geburt eines Jungen oder eines Mädchens haben Auswirkungen auf die Grundstimmung, die ein Kind bereits vor der Geburt erleben kann. Dass die Sozialisation eine zusätzliche Rolle spielt, wenn ein Kind geboren ist, leuchtet den meisten Menschen ein.

Unter Geschlechtsidentität verstehen wir die subjektive Einschätzung einer Person von sich selbst im Unterschied zur Beurteilung der eigenen Person durch andere. Das schließt auch die Geschlechtszugehörigkeit ein. Diese subjektive Einschätzung muss, um als gelungen bezeichnet zu werden, ein stimmiges Selbstbild ergeben. Nur, wenn ich mich in meinem Körper (der entweder männlich oder weiblich ist) zu Hause fühle, kann ich auch von einer gelungenen Geschlechtsidentität sprechen.

Geschlechtsidentität bezeichnet keinen abgeschlossenen Prozess, sondern beginnt vor der Geburt und muss lebenslang immer wieder bearbeitet und neu definiert werden. So ist vor allem die Pubertät noch einmal eine Phase, in der das eigene Selbstbild auch in Bezug auf die Geschlechtszugehörigkeit neu gefunden werden muss. Selbst Erwachsene sind nicht davor gefeit, ihre Identität, die im Wesentlichen mit der Geschlechtszugehörigkeit zusammenhängt, immer wieder neu für sich selbst zu definieren.

Wenn wir hier von frühkindlicher Geschlechtsidentität sprechen, so müssen wir drei Dimensionen bedenken: die biologischen Komponenten, die psychologischen Komponenten und die sozio-kulturellen Komponenten, die bei der Erlangung und Stabilisierung der Geschlechtsidentität jeweils verschränkt und meist unbewusst zusammenwirken.

 

 

Biologische Aspekte

 

Der Fötus im Mutterleib ist zunächst geschlechtsneutral. Erst durch die Einwirkung von Geschlechtshormonen entwickeln sich die sekundären Geschlechtsmerkmale, die unser Bild von der Geschlechtszugehörigkeit prägen. So werden Kinder nach der Geburt anhand ihrer äußeren Geschlechtsmerkmale dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet. In manchen Fällen kann dies problematisch sein, weil die äußeren Geschlechtsmerkmale z. B. mit der geschlechtsbezogenen “Persönlichkeitsstruktur” nicht übereinstimmen. Ein Kind kann sich als Mädchen fühlen, obwohl es männliche Geschlechtsmerkmale besitzt. In nicht wenigen Fällen wird dadurch eine Dramaturgie des Lebens in Gang gesetzt, die eine gelingende Geschlechtsidentität massiv erschwert.

 

Psychologische Aspekte

 

Heute wissen künftige Eltern schon relativ frühzeitig Bescheid über das Geschlecht ihres zu erwarteten Kindes. Dies ist in Bezug auf die Geschlechtsidentität eben dieses Kindes nicht unerheblich. Da mit dem Wissen über das Geschlecht des Fötus im Mutterleib bei beiden Eltern Phantasien und unbewusste Vorstellungen in Gang gesetzt werden, wird dies auch dem Kind schon vor der Geburt ›mitgeteilt‹. Ein mit Freude erwartetes Mädchen oder die Vorfreude auf einen kleinen Jungen erspürt das Kind in positiver Weise und kann sich daher auch gut entwickeln. Ängste der Eltern jedoch machen auch den Fötus ängstlich. Die Gefühle der Mutter übertragen sich auch auf das Ungeborene. Väter, die die Mutter in dieser Zeit positiv und unterstützend begleiten, tun dies auch für das ungeborene Kind.

 

Sozio-kulturelle Aspekte

 

Einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität hat das Aufwachsen in einer bestimmten Kultur. So gibt es gravierende Unterschiede vom Selbstverständnis eines Kindes in einer Stammeskultur in der Südsee und in einem Industrieland. Wie Menschen ihre Geschlechtsrolle in einer bestimmten Kultur leben, wird von Kindern häufig durch Nachahmung übernommen. Bereits Kinder im Alter von zwei Jahren ahmen Erwachsene ihres eigenen Geschlechts lieber nach als Erwachsene der gegengeschlechtlichen Seite. Wenn Kinder erleben, dass alle Tätigkeiten von Vater und Mutter als wichtig empfunden und wechselweise je nach Bedarf übernommen werden, entstehen bei Kindern keine negativ besetzten Geschlechtsrollen. Allerdings ist der Einfluss der Familie sehr begrenzt. Sobald das Kind einen Schritt in die Außenwelt macht, wird es dort ebenfalls mit unterschiedlichen Frauen- und Männerrollen konfrontiert. Außerdem hört es Äußerungen über die Bewertung des eigenen Verhaltens. ›Du benimmst dich ja wie ein Junge‹ oder: ›Ein Junge ist doch nicht wehleidig‹ machen auf Kinder ›Eindruck‹. Sehr bald spielt auch die Gleichaltrigengruppe hier eine sozialisierende Rolle. Vor allem bei Jungen, die in einem überwiegend weiblichen Umfeld aufwachsen (ohne oder nur mit einem zeitweilig zur Verfügung stehenden Vater oder einer anderen Männerperson), spielt der große, starke, übermännlich sich gebärdende Junge (oder Phantasiemann aus der Fernsehsendung) eine nachahmenswerte Rolle bei der Geschlechtsorientierung.

 

(Quelle: Familienhandbuch.de)

Das Schweigen der Transsexuellen

Skadi Frankenstein 09.10.2011

Das Europäische Parlament hat die andauernde Pathologisierung transsexueller Menschen auch in der EU scharf verurteilt, aber darüber spricht man nicht

 

Geneigte Leserin, geneigter Leser, stellen Sie sich bitte vor, wildfremde Menschen sprechen Sie auf Beschaffenheit und Zustand Ihrer Genitalien an. Stellen Sie sich bitte vor, Sie wären der Gegenstand einer zotigen Geschwätzigkeit, die Sie auf ein sexuelles Begehren reduziert, das Sie nicht einmal empfinden. Stellen Sie sich bitte vor, dass dieses Geschwätz an Ihnen haftet wie das Miasma an den von den Göttern Verfluchten in der griechischen Mythologie. Die Blicke. Das Grinsen. Der Hohn. Wohin Sie auch gehen, was Sie auch tun und sagen.

 

Stellen Sie sich bitte vor, dass eine Gruppe von Menschen, der Sie angehören, ständig von anderen – zum Beispiel den Medien - definiert und charakterisiert wird, Sie nicht einmal zu Wort kommen, und das ewige Thema des verbalen Bombardements wäre Sex. Ihr Sex. Der Sex in Ihrem Kopf, der Sex, den Sie begehren, der Sex, den sie praktizieren.

 

Dagegen würden Sie sich verwahren. Darüber spricht man nicht. Es wäre eine unerträgliche Zumutung, unter diesen Umständen zu leben, zu arbeiten, einkaufen zu gehen, einen Spaziergang zu machen.

Es gibt eine Gruppe von Menschen, die das täglich ertragen muss. Man bezeichnet sie als Transsexuelle. Über das, worüber man nicht spricht, spricht man unaufhörlich, wenn es um sie geht. Wessen Stimmen nicht gehört werden, sind ihre eigenen.

 

Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht erstaunlich, wenn das unaufhörliche Geschwätz über Transsexuelle sorgsam einen bestimmten Sachverhalt zu umgehen scheint. Dies ist selbst dann der Fall, wenn das Geschwätz über Transsexuelle nicht als Geschwätz bezeichnet werden kann, weil die entsprechende Äußerung beispielsweise eine Urteilsbegründung ist. Die Gemeinsamkeit, die solche Äußerungen mit dem Geschwätz haben, besteht darin, dass andere über Transsexuelle sprechen und diese zu schweigen haben. Was sparen die Aussagen aus? Was ist es, worüber man nicht spricht?

Es ist die Grundlage und das zentrale Element eines unaufhörlichen öffentlichen Diskurses über "Geschlechtsumwandlungen", "Männer, die Frauen sein wollen", eben die "Transsexuellen", wie die deutsche Öffentlichkeit sie wieder und wieder gleichförmig konstruiert. Es ist die "wissenschaftliche" Basis des Transsexuellengesetzes und jeglicher Rechtsprechung hinsichtlich dieser konstruierten "Transsexuellen". Es ist ihre Pathologisierung.

 

Die Richter ohne Roben

 

Die unrühmliche Geschichte der Psychiatrie von einem Organ der öffentlichen Hygiene bis zum "medizinischen Richteramt über jegliches menschliche Verhalten" hat Michel Foucault in seinen Vorlesungen am Collège de France 1974 – 1975 nachgezeichnet.[1]

 

1851 entdeckte der Psychiater Cartwright in den Südstaaten eine Geisteskrankheit, die nur unter Menschen mit schwarzer Hautfarbe auftrat, die Drapetomanie. Diese Geisteskrankheit – entsprechend zur Epoche eine Manie – bestand aus dem irrationalen Wunsch, frei zu sein, und der Tendenz, davonlaufen zu wollen. Cartwright, sich auf das göttlich verkündete natürliche Verhältnis zwischen Menschen weißer und schwarzer Hautfarbe berufend, empfahl wirksame Abhilfe. Sie bestand darin, keinesfalls Sklaven wie gleichwertige Menschen zu behandeln, und sie von Zeit zu Zeit gründlich auszupeitschen.

 

Seit Cartwrights Zeiten haben die Psychiatrie und ihre jüngere Schwester, die Psychologie, zweifelsfrei Fortschritte gemacht:

Dass dann innerhalb des Nationalsozialismus die deutsche Psychiatrie so gut funktioniert hat ist nichts Erstaunliches. Der neue Rassismus (...) als Mittel innerer Verteidigung einer Gesellschaft gegen ihre Anormalen, ist aus der Psychiatrie hervorgegangen, und der Nationalsozialismus hat nichts weiter getan, als diesen neuen Rassismus in den im 19. Jahrhundert endemischen ethnischen Rassismus einzuklinken. (...) Aber selbst dort, wo sie (...) die rassistische Einvernahme abgeschüttelt oder gar nicht wirklich vorangetrieben hat, selbst dort noch hat die Psychiatrie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im wesentlichen immer als Mechanismus und Instanz zur Verteidigung der Gesellschaft funktioniert (...) oder, um die Ausdrucksweise des 19. Jahrhunderts aufzugreifen, als "Jagd nach Entarteten".

Michel Foucault[2]

Spuren sowohl personeller als auch inhaltlicher Natur, die von der Psychiatrie im Dritten Reich zur Pathologisierung von Transsexuellen im heutigen Deutschland führen, sind auffindbar.[3] Dies dürfte einer der Gründe für das Schweigen inmitten des Geschwätzes sein.

 

Ein weiterer Grund besteht aus dem Widerspruch zwischen den Menschenrechten und dem deutschen Transsexuellengesetz (TSG). Bereits 2007 legten die Yogyakarta-Prinzipien (Prinzip 18) zweifelsfrei fest, dass kein Mensch wegen seiner Gender-Identität gezwungen werden darf, sich medizinischer oder psychologischer Behandlung, Untersuchung oder sonstiger Prozeduren zu unterziehen. Allen gegenteiligen Kategorien zum Trotz, so heißt es dort, stellt Gender-Identität keine "medical condition" (Erkrankung, Störung) dar. Staaten werden (Prinzip 18, F) dazu aufgefordert, sicherzustellen, dass keine medizinische oder psychologische Beratung oder Behandlung von Gender-Identität als psychischer Störung ausgeht.

 

Das deutsche Transsexuellengesetz beruht auf der Einordnung von Transsexualität als psychische Störung. Das Gesetz erzwingt eine mehrstufige psychologisch-psychiatrische Gutachtensprozedur, während welcher die Betroffenen den Gutachtern völlig ausgeliefert sind. Von Betroffenen erstellte Menschenrechtsberichte[4] legen dar, wie man sich den Verlauf dieser Prozedur vorzustellen hat.

 

2009 erklärte Prof. Silvia Pimentel, Angehörige des CEDAW-Komitees der UNO (Convention on the Elimination of all Forms of Discrimination against Women) anlässlich der Anhörung Deutschlands, es sei ein Paradoxon, dass transsexuelle Frauen zu geistesgestörten Männern erklärt werden, um als Frauen akzeptiert zu werden. Sie forderte die Beendigung des Gutachterverfahrens nach dem deutschen TSG. In einem gemeinsam verfassten Bericht[5] legten zehn deutsche NGOs gegenüber dem CEDAW-Kommitteee 2011 dar, dass die angemahnten deutschen Aktivitäten hinsichtlich des TSG sich bislang auf eine Broschüre erstrecken, die als Feigenblatt gegenüber der UNO angesehen werden kann. Ebenfalls im Jahre 2009 hatte sich der Kommissar für Menschenrechte des Europarats veranlasst gesehen, ein Themenpapier zu Menschenrechten und Gender-Identität herauszugeben.[6]

Das Bundesverfassungsgericht erklärte nun im Januar 2011, die "Fachwelt (sei) inzwischen zu der Erkenntnis gelangt, dass geschlechtsumwandelnde Operationen auch bei einer weitgehend sicheren Diagnose der Transsexualität nicht stets indiziert sind". "Weitgehend sichere Diagnose", aber durch wen? Nicht etwa seitens der Betroffenen selbst, denen man keinesfalls zugestehen kann, sie wüssten selbst am besten über sich Bescheid. Weiter:

Die Dauerhaftigkeit und Irreversibilität des empfundenen Geschlechts eines Transsexuellen lässt sich nicht am Grad der Anpassung seiner äußeren Geschlechtsmerkmale an das empfundene Geschlecht mittels operativer Eingriffe messen, sondern ist daran festzustellen, wie konsequent der Transsexuelle in seinem empfundenen Geschlecht lebt und sich in ihm angekommen fühlt.Bundesverfassungsgericht

 

Wiederum: Wer stellt das fest? Ganz sicher nicht die Betroffenen selbst. Die "Fachwelt", auf die sich das Bundesverfassungsgericht bezieht, besteht aus denjenigen Psychiatern und Psychologen, welche die "Wissenschaft" für die Pathologisierung transsexueller Menschen produziert (s. The World Professional Association for Transgender Health (WPATH)). Diese "Fachwelt" nimmt aktiv Einfluss auf die deutsche Gesetzgebung.

Gleichwohl wird in der Urteilsbegründung zweierlei – schamhaft? – verschwiegen. Erstens, dass das Urteil implizit an der Einstufung von Transsexualität als Störung festhält; dass die "Fachwelt" zur Fundierung des Urteils herangezogen wird und deren "wissenschaftliche Erkenntnisse" seine inhaltliche Grundlage darstellen; dass die Menschenrechte von Menschen, deren geschlechtliche Identität von dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweicht, schlicht ignoriert werden. Zweitens, dass "Nicht-Transsexuelle" (einschließlich der Richter und der "Fachwelt") "natürlich" kein "empfundenes" Geschlecht haben – sondern ein "echtes"? Oder vielleicht ein "normales" im Gegensatz zum "anormalen"?

Jedenfalls spricht das Bundesverfassungsgericht von " geschlechtsumwandelnde(n) Operationen" – statt von "geschlechtsangleichender Behandlung". Wenn jemand "in Wirklichkeit" ein Mann ist, der "eine Frau sein will" und nach hinreichender jahrelanger Unterwerfung unter Psychologen und Psychiater "seinen" Willen bekommt, so erfährt "er" eine Umwandlung. Wenn es aber um eine Frau geht, deren Geschlechtszugehörigkeit in ihrem Bewusstsein und ihrem Gehirn verortet ist, der aber gleich nach ihrer Geburt von einem Mediziner nach Betrachtung ihrer Genitalien das Geschlecht "männlich" zugewiesen wurde – dann geht es hier um eine Angleichung.

 

Es stellt sich die Frage, wer hier in Wirklichkeit Recht spricht – die Richter mit den Roben, oder die Richter ohne Roben?

In Verteidigung der Gesellschaft

Warum werden unter Zuhilfenahme von Psychiatrie und Psychologie Menschenrechte ignoriert?

 

Es wäre vielleicht angebracht, die Perspektive zu erweitern. Psychiatrie und Psychologie verteidigen etwas durch die Pathologisierung von Menschen mit einer Geschlechtsidentität, die von ihrem zugewiesenen Geschlecht abweicht.

Julia Serano spricht von einer Devaluierung von Transfrauen, die darauf gründet, dass diese sich an der Schnittstelle dreier Phänomene befinden: Transphobie, Cisgenderismus und Misogynie. Transphobie ist Feindseligkeit gegen Trans-Menschen. Cisgenderismus ist das Machtverhältnis von Menschen, deren Geschlechtsidentität dem zugewiesenen Geschlecht entspricht, gegenüber Trans-Menschen. Cisgenderismus ist ein Privileg in Aktion: das beurteilende, verurteilende, sexualisierende Geschwätz derer, für die dabei nichts auf dem Spiel steht, über diejenigen, für die dabei alles auf dem Spiel steht. Hin und wieder generiert das Geschwätz Schläge, Vergewaltigungen, Messerstiche, Schüsse. Immer zementiert es eine fundamentale Ungleichheit.

Diejenigen Menschen, die in den maßgeblichen Vorgängerkulturen der westlichen Gesellschaften (Griechenland, Rom, christliches Mittelalter) in einer vergleichbaren Situation waren wie Transfrauen im heutigen Deutschland, waren – Frauen.

 

Nach dem Fall des mittelalterlichen Ordo wurde "die Frau" in die "Natur" eingeschrieben und unter dem Gesichtspunkt der Bevölkerungspolitik einem Prozess der Wissensakkumulation unterworfen. Aufgrund ihrer zentralen Rolle für die Reproduktion, aber auch aufgrund ihrer Funktion als gesellschaftspolitisch ohnmächtige Arbeitskräfte wurden Frauen einem normativen Sub-System unterworfen, das sie an ihrer Attraktivität als sexuelle Objekte, ihres Unterwerfungsgrads unter Männer, ihres Gebärvermögens und ihrer Arbeitsleistung maß.

 

Medizin, Psychiatrie, Psychologie sowie ein spezielles schichtenspezifisches Sub-Bildungssystem gewährleisteten eine lückenlose Überwachung und die jederzeit gegebene Möglichkeit der Verhaltenskorrektur. Gleichzeitig bewegten sich Frauen von der Kontrolle durch Männer (Väter, männliche Blutsverwandte) unter die Kontrolle anderer Männer (Ehemänner) oder mussten Statusverluste hinnehmen. Männer (Ärzte, Psychiater) oder speziell dazu ausgebildete Frauen (Lehrerinnen, Aufseherinnen) flankierten dies außerhalb der blutsverwandtschaftlichen oder ehelichen Verhältnisse und stellten gleichzeitig die Verfügungsgewalt jeweils eines Mannes (Vater, Vormund, Ehemann) über die jeweilige Frau sicher. Das schichtenspezifisch differenzierte Sub-Verhaltensregime, dem Frauen unterworfen waren, unterdrückte die Frauen nicht, es brachte die Frau als Kategorie hervor.

Der Status des Anderen – des Menschen, über den man spricht und der nichts zu sagen hat - ermöglicht eine bestimmte Form der Abwertung von Menschen, die Sexualisierung. Sexualisiert können nur Menschen werden, die den Status des Anderen innehaben. Der Grad dieses Status entspricht dem Grad der Sexualisierbarbeit. Sexualisierung bedeutet, dass Wert und Status eines Menschen an seiner sexuellen Attraktivität gemessen wird. Sexualisierung bedeutet, dass der sexualisierte Mensch zu einem Objekt zum sexuellen Gebrauch reduziert wird.

 

Das in die "Natur" eingeschriebene bipolare Geschlechterschema verdankt seine Existenz der in die "Natur" eingeschriebenen Kategorie Frau. Die Zuweisung des Status "Mann" oder "Frau" ist darum an bipolare Kategorisierung der Genitalien durch Mediziner bei der Geburt eines Menschen festgemacht. Um "natürliche" Statusunterschiede zwischen Menschen unveränderbar festzuschreiben, muss das bipolare Geschlechtsschema in dieser Form existieren.

 

Transfrauen sind Frauen. Die "Fachwelt" (also die pathologisierende Psychiatrie und Psychologie) erklärt sie zu geistesgestörten Männern und zwingt sie im Gutachterverfahren zu Hyper-Femininisierung und Hyper-Sexualisierbarkeit – sie müssen ihre "Weiblichkeit", ihr "Frau-Sein" ununterbrochen unter Beweis stellen.

 

Hier geht es um mehr als um die "Jagd nach Entarteten" in Verteidigung der Gesellschaft. Es geht darum, dass die "Fachwelt" definiert, was "richtige Frauen" sind und welche Eigenschaften sie aufzuweisen haben. Das TSG-Regime ist eine der letzten Bastionen eines dehumanisierenden und sexualisierenden Anti-Feminismus, einer institutionalisierten und "wissenschaftlich" abgesicherten Misogynie. Es generiert unter Zwang hypersexualisierte Super-Frauen und dem Spott preisgegebene Vogelscheuchen, die in Film und Fernsehen immer wieder für einen Lacher gut sind. Zu wessen Disziplinierung, zu wessen Normalisierung?

Transsexualität als "Störung" ist die Drapetomanie des 21. Jahrhunderts. Ebenso wie bei der Drapetomanie geht es darum, eine Menschengruppe durch Pathologisierung dauerhaft zu unterwerfen, ihr den Status des Anderen dauerhaft zuzuweisen und sie in Verteidigung der Gesellschaft stumm, ohnmächtig und nützlich zu machen.

 

Nützlich wozu? Zur Verteidigung eines bipolaren Geschlechtsschemas, dessen Grad an wissenschaftlicher Verifizierbarkeit Cartwrights "göttlich gewollter Ordnung" entspricht. Zur Zementierung gesellschaftlicher Rollenzuweisungen, die durch ein genitalfixiertes Geschlechtsschema in die "Natur" eingeschrieben sind und die für die Biomacht von Bedeutung sind. Zur Verteidigung einer durch Drill und Panoptismus unablässig neu geschnürten Gender-Zwangsjacke für Frauen, ganz gleich ob cis oder trans, das an einer Norm festgemacht ist, welche die "richtige Frau" definiert und hervorbringt. Zur Verschleierung der Künstlichkeit angeblich "natürlicher", durch Machtverhältnisse hervorgebrachter Kategorien, die zur Aufrechterhaltung dieser Machtverhältnisse dienen.

Die Resolution des Europäischen Parlaments vom 28. September 2011 verurteilt scharf die andauernde Pathologisierung transsexueller Menschen auch in Mitgliedsstaaten der EU und fordert die Mitgliedsstaaten insbesondere zur Depsychiatrisierung dieser Menschen auf.

Aber darüber spricht man nicht.

 

(Quelle: www.heise.de- Zugriff: August 2012)

"Als ich noch eine Frau war…"

Haben es Männer tatsächlich leichter im Berufsleben? Niemand kann die Frage wohl besser beantworten als Leon Strauß. Er kann vergleichen – weil er seinen Job auch schon als Frau machte. Von Inga Pylypchu

 

 

Einparken ist Leons Stärke nicht. Hinter dem Lenkrad seines dunkelblauen Fords dreht er sich nach hinten, dann wieder nach vorn, schaut in den Rückspiegel, gibt Gas und fährt rückwärts in die Parklücke hinein. Doch, ups, wieder den Bürgersteig erwischt.

 

"Ich kann das Klischee widerlegen, dass Frauen schlechter einparken", sagt er. "Als ich noch eine Frau war, hat's besser funktioniert. Vielleicht lag es daran, dass ich damals ein kleineres Auto hatte, aber trotzdem." Leon lacht, seine hellen Augen strahlen grün und grau, ein attraktiver Mann Mitte 40.

Er steigt aus dem Auto und geht zum vierstöckigen Gebäude der Assa Abloy Sicherheitstechnik GmbH. Hier hat der Berliner Industriekaufmann Leon Strauß bereits 17 Jahre beruflichen Alltag hinter sich gebracht. Die ersten zehn Jahre als Frau, die letzten sieben als Mann.

 

"Guten Morgen, Herr Strauß", begrüßt die Personalleiterin Frau Niggeling Leon im Flur. Nur 300 Meter von seinem Büro entfernt ist Leon groß geworden. Hier, im tiefsten Zehlendorf, in einem rosafarbenen Einfamilienhaus, wusste er schon vor mehr als dreißig Jahren, dass er gern ein Junge gewesen wäre. Doch in der Geburtsurkunde stand: weiblich. Die Eltern haben ihre Tochter Evelyn genannt. Diesen Namen spricht Leon in Bezug auf sich nicht gern aus.

 

Frau Niggeling, eine freundliche Kollegin im Alter Leons, kann sich sehr gut an die Zeit vor sieben Jahren erinnern. Damals kam Frau Strauß zu ihr und sagte, man müsste ihr Geschlecht in den Personalakten ändern. Der Chef hätte bereits zugestimmt.

 

Zuerst war Frau Niggeling überrascht, verschiedene Emotionen – von Mitleid bis Respekt – überströmten sie. Heute, wenn die Personalleiterin Leon in seinem Büro besucht, ist sie sicher: "Es war mehr eine Herausforderung für uns als ein Problem."

 

 

"Aus Evelyn wird Herr Leon Strauß"

 

 

Noch vor der offiziellen Zustimmung über die Namensänderung wurde ein Schreiben an die Kunden und Kollegen vorbereitet. Es hieß dort: "… aus Frau Evelyn Strauß wird Herr Leon Strauß, bitte in den Stammdaten ändern …" Und fertig. Die Visitenkarten wurden neu bestellt, die Daten im Computer geändert.

Nicht jede Transition verläuft so reibungslos. Vor allem Transfrauen sind häufig von Diskriminierung betroffen – ohnehin schon als Frau und noch einmal mehr als Transperson.

 

Arn Sauer vom Verein TransInterQueer erläutert: "Es gibt viele Beispiele, wie sehr gut ausgebildete Transfrauen, die in ihrem früheren männlichen Status noch gut bezahlte Positionen hatten, nach der Geschlechtsangleichung als Frauen plötzlich auf der Straße standen. Viele von ihnen sind geschockt, welche Benachteiligungen es mit sich bringt, eine Frau zu sein."

Einige Transmenschen kündigen freiwillig, um einen neuen Lebensabschnitt anzufangen, anderen wird gekündigt, oder sie müssen in eine andere Abteilung wechseln. Nach Angaben der Organisation Transgender Europe können in der EU circa 50 Prozent der Transmenschen keinen Vollzeitjob finden. Und selbst diejenigen, die wie Leon weiterarbeiten können, müssen vor allem in der Übergangsphase mit vielen Herausforderungen und Vorurteilen kämpfen.

 

 

Lebt die Person ihre Geschlechtsidentität?

 

 

Um den Namen zu ändern, hat Leon – wie es gesetzlich vorgeschrieben ist – zwei ärztliche Gutachten eingereicht. "Die wesentliche Fragestellung ist dabei", erklärt der Psychotherapeut Wolfgang Weig, "ob die betreffende Person tatsächlich in einer abweichenden Geschlechtsidentität lebt, also innerlich davon überzeugt ist, dem anderen als dem biologischen Geschlecht anzugehören."

Außerdem müssten die Transsexuellen einen "Alltagstest" machen. "Das heißt, die Person soll mindestens ein Jahr lang die ,gewünschte' Geschlechtsrolle ausprobieren, indem sie sich entsprechend kleidet, ein für das jeweilige Geschlecht typisches Rollenverhalten übernimmt und sich in ihrer sozialen Umgebung entsprechend outet", so Weig.

Dies führt allerdings oft zu Missverständnissen – so auch bei Leon. "In der ersten Zeit hatte ich immer noch meine weibliche Stimme, aber ans Telefon gegangen ist Herr Strauß. Ich musste immer wieder die Situation erklären", erinnert er sich. Am Anfang ist es für viele Betroffene äußerst kompliziert, ohne eine entsprechende Hormontherapie und andere geschlechtsangleichende Maßnahmen überzeugend männlich oder weiblich aufzutreten.

 

 

Früher erschienen ihm die Kunden dominanter

 

Heute ist Leons Stimme sicher, heiser, tief. Hat dies Auswirkungen auf die Arbeit? "Ja", sagt Leon ohne Zweifel. Früher schienen ihm die Kunden dominanter zu sein, weil er sich unsicher fühlte. "Als Frau habe ich meine Ziele dann trotzdem erreicht, aber auf Umwegen." Es gibt auch weibliche Kolleginnen, die es anders können, meint Leon. Aber generell hat er bemerkt, dass eine männliche Stimme einen kompetenteren Eindruck verleiht.

Auch im Privaten ist Leon härter geworden: "Heute kann ich mit Worten argumentieren. Als Mann kann ich einfach sagen: Das ist so!" Und die Leute akzeptieren es. Oft ist Leon dabei selbst etwas irritiert: "Ich habe es doch Jahrzehnte anders erlebt."

Als Mann muss sich Leon anders durchsetzen. "Männer müssen klar und deutlich sein. Sie müssen mehr Präsenz und Stärke zeigen. Aber da weigere ich mich oft, es gibt ja auch weiche Männer."

Wer Leon länger beobachtet, stellt fest: Stimmt, es gibt auch weiche Männer. Und noch viel mehr. Es gibt harte Frauen, und es gibt auch zarte. Es gibt muskulöse Machos mit einer feinen weiblichen Seele, und es gibt Casanovas von kleiner Statur und unschuldigem Blick.

Und dennoch: Es gibt immer nur Männer und Frauen, und von ihnen wird Unterschiedliches erwartet. Die transsexuelle Erfahrung ist wohl der beste Beweis dafür. "Denn die Transleute werden danach bewertet, wie gut sie männliche und weibliche Ideale verkörpern", sagt Arn Sauer von TransInterQueer.

 

 

"Sie? Sie haben die gebacken?"

 

Zu einer Weihnachtsfeier vor fünf Jahren hatte Leon Kekse mitgebracht, zwölf Sorten, selbst gebacken. Eine Kollegin war erstaunt: "Sie? Sie haben die gebacken?” Leon musste lachen: "Wer denn sonst?" – "Ich dachte, Ihre Frau vielleicht!", war die Antwort. Die drei klassischen K – Kinder, Küche, Kirche – sind längst überholt. Wenn es aber um zwölf Sorten Gebäck geht, dann muss wohl doch eine Frau im Spiel gewesen sein.

Mittlerweile hört Leon immer öfter Witze von anderen Männern, "schlüpfrige, manchmal sogar sexistische Witze". Leon sieht das einerseits als gutes Zeichen für seine Integration: Er ist offenbar im männlichen Geschlecht angekommen. Andererseits findet er diesen Humor ziemlich blöd. "So männlich bin ich nun auch nicht geworden, dass ich dazu sagen würde: cooler Witz."

Leon hat keine Angst vor seiner Vergangenheit. Wenn die Eltern über seine Kindheit sprechen, sagen sie "sie", und das sei auch gut so. "Ich will ihnen die Erinnerungen an ihre Tochter nicht nehmen".

Herr Strauß erzählt seiner Kollegin Frau Niggeling, dass viele Transsexuelle ihre Kindheit, Pubertät und die ersten Jahre des Erwachsenseins einfach streichen. Das Leben beginnt für sie erst im neuen Geschlecht. Das findet Leon schade. Seine Vergangenheit und Erfahrungen als Frau sind ihm viel wert.

 

 

Früher wurde er als lesbisch gesehen

 

In seiner männlichen Rolle musste sich Leon auch daran gewöhnen, dass es völlig in Ordnung ist, "meine Freundin" in der Öffentlichkeit zu sagen. Früher wurde er als lesbisch gesehen, heute ist er ein heterosexueller Mann. Aber nur auf den ersten Blick. Nach wie vor geht Leon mit seiner Freundin zu einer Tanzgruppe für gleichgeschlechtliche Paare. "Das ist dort kein Problem, wir sind eine große Regenbogenfamilie", sagt er.

Die Regenbogenfahne – ein Symbol der Lesben, Schwulen- und auch der Transgender-Community – hat sich Leon auf die linke Schulter tätowieren lassen. Auch auch dem Heck seines Autos befindet sich ein entsprechder Aufkleber.

 

Da ist es auch kein Wunder, dass Leon sich eine Wohngemeinschaft in Schöneberg ausgesucht hat, einem Berliner Bezirk, wo nahezu an jedem Café eine Fahne mit sieben Farben zu sehen ist. Zwei Mitbewohnerinnen und zwei blauäugige Thaikatzen – das ist Leons Gesellschaft zu Hause.

Es gibt aber noch eine andere Katzenart, die für Leon eine besondere Bedeutung hat: der Löwe. Eine Löwenskulptur auf dem Balkon, ein Plüschtier auf dem Sofa und Dutzende Löwenstatuetten im Schrank. Löwe ist Leons Sternzeichen, sein Glücksbringer und sein größter erfüllter Wunsch – der männlicher Vorname im Personalausweis.

Auch im Büro von Leon Strauß hängt, neben einer großen Weltkarte, das Foto eines Löwen. Das, könnte man sagen, ist der einzige Hinweis auf seine Privatsphäre. Doch ein Mensch, der eine Transition am Arbeitsplatz durchgemacht hat, hat schon viel mehr von seinem Privatleben preisgegeben als alle anderen.

 

Kräftig, stark, mutig. Männlich. "Ich bin jetzt entspannter und ruhiger geworden. Ich habe meinen Körper so angepasst, wie ich ihn brauche." Sehr männlich und doch ganz anders.

 

 

"Jetzt bin ich manchmal wie ein Trampeltier"

 

Manchmal fragen seine Freunde, ob er etwas im Laufe der Verwandlung verloren habe? "Meine Sensibilität", sagt Leon mit einer etwas traurigen Stimme. Früher konnte er schneller verstehen, was seine Freundin wollte, oder warum es ihr schlecht ging. "Jetzt bin ich manchmal wie ein Trampeltier und lauf drüber. Das war früher einfach schöner."

Auch der Sex ist anders geworden. "Als ich noch eine Frau war, musste immer das Gefühl stimmen, und heute kann ich sagen: "Sex, und dann ist gut."

Wenn Frau Niggeling das gehört hätte, würde sie bestimmt mehr dazu fragen. Leon erzählt ihr aber gerade, dass er morgen in den Urlaub nach Österreich fährt. "Ich lasse meine Freunde Auto fahren und werde mich erholen", sagt er. "Aha, jetzt wieder auf Mädchen machen?" Beide lachen.

"Ja, was Autofahren betrifft, bin ich ziemlich mädchenhaft. Aber warum nicht, ich habe doch beides in mir." Und man glaubt Leon gern, dass das möglich ist. Denn es gibt auf dieser Welt Männer, Frauen – und solche, die etwas mehr darüber wissen.

 

(Quelle: www.welt.de, Zugriff September 2012)